Ein kordiales ›Croeso‹ allerseits auf diesem meinem Privat-Gestirn am Lügen-Äther. Hier – »über schluchten ungeheuer« und »dem tagessinn unnahbar« – stelle ich zusammen und setze auseinander, was mir so unter- oder mich überkommt: Ursprünglich als lose Zettelwirtschaften und vage Gedächtnisstützen in eigenster Sache aus der Taufe gehoben, sind meine Aufzeichnungen in den vergangenen Jahren so weidlich gediehen, dass der ehedem tollkühne Spagat, davon eine repräsentative Auswahl und doch zugleich bloß einen gesichtswahrenden Bruchteil vorzulegen, sich zu einem gangbaren Schritt verengt hat, der nun im distinkten Bewusstsein vollzogen sein will, just einen jener Anfänge zu markieren, denen Geringere berufsmäßig wehren.

Unter dem Rubrum Tage und Taten ist ein Diarium eingerichtet, das der Regelmäßigkeit seiner Fortschreibung nach allerdings höchstens ein Hebdomarium zu schimpfen wäre. Oberflächen-Gekräusel und »Zeitenschaum« (Hermlin), so meine Befürchtung, werden darin gegenwärtig trotz weiträumiger Umschiffungsversuche »auf goldenen triremen« nicht vollkommen eskamotierbar sein, wiewohl ich viel daran zu setzen gelobe, den »Morast des Tatsächlichen« (Curio) so selten als möglich und stets mit Siebenmeilenstiefeln zu durchwaten. Zu rettenden Ufern des jauchigen Realien-Pfuhls – auch hier gilt: Drain the swamp! – lockt selbstgenügsames Glasperlenspiel samt gelegentlicher Ausflüge in den Umkreis auch der leichteren Muse. Mit Politik jedenfalls und insbesondere mit der des jeweiligen Tages soll dieser Ort absehbar nicht mehr zu tun haben als das auf Gesine Schwans Kopf mit einer Frisur.

»Herr Professor«, sprach ein adretter beschopfter Joachim Kaiser vor siebzig Jahren zu Adorno, »Ihr letztes Buch ist nicht nur das Klügste, was seit Aristoteles je schriftlich niedergelegt wurde. Ich möchte noch ein Stück weiter gehen und behaupten, es gehört sogar zu Ihren besten Sachen.« Statt den verzogenen Studenten des Saales zu verweisen, erwiderte Adorno, vor Eitelkeit selbst für brachialste Ironie längst ertaubt, er habe sich ja schließlich auch redlich bemüht. Hellhörigere hätten hingegen registrieren, falls nicht immer schon ahnen müssen, dass Niederlegungen nicht bloß nach kaiserlichem Ermessen letztlich Niederlagen bleiben: fahler Widerschein jenes weiten stolzen Jagens, das »so wirr und schwach wird wenn gefügt.« Doch nicht jede Niederlage lohnt die Anstrengung: Nach meinem bescheidenen Dafürhalten ist neben der Gefasstheit des Lyrischen – Verbindlich – und der Ballung zum Aphorismus – Bündig – nur das beschwingte Auffächern im Essay – Entbunden – den Pirschgang wert. Wer Romane liest, hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Und wer je einen schrieb, hatte nichts zu verlieren.

Verlustig drohen Zeitgenossen – »da sich alle fäden queren« – mittlerweile vielerorts auch ihres liebgewonnenen Überblicks zu gehen. Zumindest versuchs- und stellenweise sollen daher im Listenreich eherne Schneisen der Ordnung geschlagen werden, angefangen mit Angeführtem zur Belehrung bis Belustigung, wobei die Aufnahme eines Zitats weder Duldung noch Bekräftigung signalisieren muss. Sodann gliedert sich Namentliches in die selbsterklärenden Segmente WohlklangÜbernamen und Wechselfälle. Wer dort möglichst Abseitiges beitragen kann, soll sich dazu ebenso ausdrücklich ermuntert wissen wie zur Mitarbeit an der Schatulle Fristgerecht mit ihren Schubfächern Spiegel, Deckung und Hundertschaft, in denen das Numerologische mitunter über sich selbst hinausweist, wie etwa Hannibal und Luther verbürgen, die sich als Stürmer auf Rom in Christus spiegeln, oder aber Eichendorff und Dahl, deren gleichgestimmte »Saiten der Seele« (Hofmannsthal) eine tiefere Verbindung begründen, als allein die Kongruenz der Lebensspannen es könnte. Den Scheitelstein setzt das Stückwerk als farbenfrohes Allerlei charmanter Listchen, die sich dieses Diminutivs so bald wohl kaum entschlagen werden.

Nach würdigen Augmentativen wiederum ließ das »sphinxhaft-dämonische« (Karl Bauer) »Löwenhaupt« (Fahrner) Stefan Georges nicht wenige Betrachter »bleichen eifers« forschen: Hatte es ein Heidelberger Student 1919 noch in obszöner Nüchternheit ein »Antlitz nicht aus unserer Zeit« genannt, so erklärte Alexander von Stauffenberg es 1943 schon um einiges geziemender zum »haupt das mehr denn eines königs war.« Als »Hackfresse des Neoliberalismus« hingegen stuft ein pseudonymer YouTube-Kommentator den mittlerweile in der Versenkung dümpelnden FDP-Sympathen Martin Lindner ein. »Look at that face«, entfuhr es Donald Trump in Richtung seiner blaustrümpfigen Mitbewerberin Carly Fiorina und als »face to launch a thousand ships« kennt die Musikgeschichte Helena von Troja. Weil das Gesicht nach wie vor als ergiebige Auskunftei gilt, lohnt sich die Befragung der Ebenbilder: Was will es besagen, wenn der beflissene Bernd Lucke, laut Melanie Amann »nüchtern wie eine Bach-Fuge«, sich nicht nur das habituelle Blinzeln, sondern auch Nasolabialfalten und Filtrum bei Leonhard Euler leiht? Wenn Benjamin Disraeli und Hans Christian Andersen einander bis hinauf zum weltmüden Lid und zur schütteren Locke gleichen? Oder wenn Mario Draghi nach zwei Jahrhunderten den durchdringenden Blick und das äginetische Lächeln Justus Christian Loders aufträgt? Nicht dutzendfach bereits wiedergekäuten Funden von Storch-Modric über Heynckes-Walken bis zu Bergoglio-Biolek soll hier Platz eingeräumt werden, sondern Entlegenerem. Da bei weitem nicht jede Paarung den Gegenübergestellten schmeichelt, wird hier sorgsam ausgesiebt: was nicht etwa heißen soll, dass Eva Högl der Meerhexe Ursula nicht zum Verwechseln gliche, sondern nur, dass Sie sich davon vorzugsweise in Eigenregie überzeugen.

Zu guter Letzt verweisen noch einige handverlesene Fingerzeige auf diesen oder jenen Gemeinplatz oder Geheimtipp in den Sektoren Lektüre, Musik, Kunst, Unterhaltung und Über Haltung. Auch auf manche von meinen Hausheiligen, die ich mir in einem Akt zivilen Ungehorsams gegenüber einer um sich greifenden Profanierungswut leiste, wird man dort gestoßen werden: Auf Harald Schmidt etwa, Nietzsche des Privatfernsehens, der einem Millionenpublikum zur besten Sendezeit Lord Byron und Julien Green untermogelte. Auf Bernd Stromberg weiter, die Zierde der Capitol mit ihrem Elba Finsdorf, auch dann Ruhe im Glied bewahrend, wenn die Klapse mal wieder zum Wandertag ausrückte. Auf Felix Mendelssohn außerdem, Goethes David, dem selbst Wagner „reichste specifische Talentfülle“ nicht absprechen wollte. Auf John Barry ferner, Seneschall des Sphärischen, der Ian Flemings gerechte Rache an Ernö Goldfinger musikalisch verewigte. Und auf Shirley Bassey ohnehin, stets »wie im ebenmass der klänge« schreitendes Urbild Celestina Warbecks und keltische Gullveig, deren metallischer Mezzosopran sich auf dem sausenden »Gerbstuhl der Zeit« (Lisa Eckhart) zu einem ledernen Kontra-Alt wandelte, unverzagt »in dunklere Gebreiten« (Wolf von Aichelburg) vordringend. Unter diesen Reverenzfiguren reichen, wie aufmerksamen Lesern kaum entgangen sein wird, Deutsche wie Briten, Christen wie Juden, Fiktion wie Realität und Weiß wie Schwarz einander den Staffelstab. Als einende Klammer ließe sich allenfalls ein untrügliches Stilgefühl ausmachen, das übertragen in den Jargon des Politischen auf den Namen »Konservatismus« hört.

Für Zusendungen und -wendungen, Unter- wie Überweisungen bin ich selbstredend empfänglich als jemand, der in diesen Niederungen schließlich überhaupt erst vorstellig wird, auf dass ihm nachgestellt werde. Vorzugsbehandlung genießen Katholiken, Österreicher und Künstler (der Sorte, die sich nicht bloß so nennt, um schwieriger verklagt werden zu können). Doch darf auch jeder andere, der das zivilisatorische Einmaleins verinnerlicht hat (ich bin untröstlich, Frau Cappelluti!), auf Reaktionen »sonder Harm und sonder Arg« (Widar Ziehnert) spekulieren. Nur Jakobiner, Sozialisten und Artverwandte verrichten ihre Notdurft gerne auch weiterhin, wie es guter Brauch ist, statt bei mir zur Linken des Rubikons. Womit allerdings keinesfalls dem Verdacht Vorschub geleistet sein soll, auch ich grenzte mich hobbyweise ab: Wo die sogenannte Distanzierung sich zum Volkssport gemausert hat, halte ich stoisch dem Tennis die Treue. Doch entfernt, wer im Namen eines autodemiurgischen »neuen Menschen« (wahlweise Trotzki, Hitler, Hornscheidt) lustvoll über die Leiche des alten geht oder gar – horribile dictu – »mit höhen und himmeln« bricht, sich freilich eo ipso und ipso facto seinerseits von mir. Die einzige Leiche, über die man zur Erneuerung der Menschheit sinnigerweise gehen könnte, war bereits auf Golgatha – und bleibt bis auf Weiteres – die eigene. In diesem Sinne: Bitte nach Ihnen!


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