16. Juni 2018

Gundelohs Hingang 

16. Juni 2018

Gestern starb in München, wie ich zuerst über Nachwuchs-Dieskau Samuel Hasselhorn erfahre, der von mir – und wem nicht? – hochgeschätzte Enoch zu Guttenberg. Schon im Oktober 2014 hatte Henriette Kaiser über seine ernsten gesundheitlichen Probleme berichtet, von denen er sich allerdings im Folgemonat, zu Frankfurt Mozarts Requiem dirigierend, nicht das Geringste anmerken ließ, als er den Instrumentalisten derart einheizte, dass man das Lacrimosa für einen Tango hätte halten können (was wohl auch Teile des Publikums taten und auf den Fluren bemängelten). Als er zum Abschluss sein Bouquet etwas unwirsch, aber mit den besten Absichten in die Chorgemeinschaft Neubeuern warf, hinterließ er zumindest bei mir einen verhältnismäßig munteren Eindruck. Doch dass auf der Bühne andere Gesetze gelten als daneben, bekundete er ja schließlich selbst.

Aus dem Namen des Orchesters, das bis zuletzt seiner Leitung unterstand, der Klangverwaltung, ist bereits das treuhänderische Ethos des sich fügenden Kettengliedes ableitbar, wie es einem Mann seines Standes gut zu Gesicht steht. Wie Botho Strauß sich zurückgenommen als ‚Fortführer‘ sieht, so sprach und dachte Guttenberg von sich als ‚Weitergeber‘, gewissermaßen als einfacher Arbeiter im musikalischen Weinberg des Herrn, seinen usrprünglichen Berufswunsch – Komposition – aus Einsicht verwerfend: „Die meisten Menschen von heute“, so Sloterdijk vor wenigen Jahren im Gespräch mit der SZ, „darunter erschreckend viele Künstler, lassen freiwillig das Beste links liegen, weil sie selber etwas Schlechteres, aber Eigenes, vorhaben.“ Von den zahlreichen Namen, mit denen man dem zotteligen Philosophen hier zur Seite springen könnte, schweigen wir aus Pietät und nennen bloß den Verstorbenen als einen der Wenigen, die aus den Spiegelkammern der unglücklichen Selbstbehauptung zur rechten Zeit in die Marmorsäle der glücklichen Selbstverlorenheit aufbrachen.

Dass diese löbliche Richtungsentscheidung kein einsamer Kornfund eines ansonsten blinden Künstlerhuhns war (der Sohn des „armen Karl-Theodor“, soll es im Freundeskreis des CSU-Barons mitfühlend geheißen haben, wolle nun ausgerechnet Musiker werden), lässt manche kluge Forderung des Belächelten vermuten: Die etwa, dass man in Bruckners Klangdomen die Seiten-Altäre nicht vernachlässigen dürfe. Oder die, dass Vibrato nicht als Dauer-Gewinsel herhalten, sondern gezielt als Kunstmittel eingesetzt werden solle. Auch hübsch: Es gebe kein Beileid, auch kein Mitleid – diese Vokabeln seien aus den aktiven Wortschätzen ersatzlos zu streichen: Leid sei das Ureigenste des Einzelnen, kaum wirklich mitteilbar und schon gar nie teilbar. Doch schon im Gespräch mit dem Mainzer Freund unterwegs zur – vor Dynamit-Rudi verschonten – Alten Oper ging es 2014, so ehrlich will ich sein, weniger um Bruckners Seiten-Altäre als um des Weitergebers volle vierzehn Vornamen und darunter um einen vor allen: Gundeloh. Wer so heißt, dem dürften die Tore Walhalls weiter offen stehen als rotgrüne Münder nach sächsischen Landtagswahlen.