11. März 2018

Im Murnau-Filmtheater

11. März 2018

Das Murnau-Filmtheater in Wiesbaden, zweckmäßig bahnhofsnah gelegen und anheimelnd halbprofessionell geführt von Figuren, die zum Tageslicht allem Anschein nach ein Verhältnis pflegen, wie man es von Filmwissenschaftlern erwarten darf, hat bisher noch fast jeden Besuch gelohnt. In knappen Broschüren führt allmonatlich Ernst Szedebits – seines Zeichens Leiter der Murnau-Stiftung – durch das jeweils aktuelle Programm. Dass sein Name beim Reinblättern die Aufmerksamkeit verlässlich vom Film weg- und hinlenkt zum Celano-Vers Iudex ergo cum sedebit, wird nach einigen Besuchen Gewohnheit. Der erste galt im November 2014 dem ‚Cabinet des Dr. Caligari‘ – was heißen will: Werner Kraußens Dämonie, Conrad Veidts Augenaufschlag und Pablo Beltráns eigentümlicher Begleitmusik. Wenn üblicherweise der Film als Nachzügler eher bei den Literaten klaut, so verhält es sich hier umgekehrt: Dürrenmatts Mathilde von Zahnd dürfte doch zumindest als Caligari-Cousine durchgehen.

Folgen sollten etwa ‚Der heilige Berg von 1926, der Leni Riefenstahls lebenslange Umtriebe bereits in nuce zu enthalten scheint: Auf die Frage, was man denn zu finden hoffe „in diesen eisigen Höhen“, antwortet sie mit nicht mehr ganz gesund geweiteten Pupillen bloß: „Das Schöne!“. Außerdem ‚Es war eine rauschende Ballnacht(1939) mit dem – ‚Diamonds are forever‘ entfernt verwandten – ‚Nur nicht aus Liebe weinen‘, in jüngerer Zeit auch von Henning May brauchbar dargeboten. Es gibt so viele auf dieser Welt“ vs. „For when love’s gone / They’ll lustre on.“ Wenn weibliche Selbstermächtigung sich auf diesem ästhetischen Plateau abspielt, gibt doch selbst der Sedisvakantist sein Plazet gern. Danach und -neben etwa ‚Das Herz der Königin‘ (1940) mit der sträflich unterschätzten Lotte Koch, ‚Zu neuen Ufern‘ (1937) oder – zumindest musikalisch ansprechend – ‚Kolberg‘ (1945), den man für zähe Cineasten zur Uraufführung in der Atlantikfestung La Rochelle – damals längst reichsdeutsche Exklave – allen Ernstes per Helikopter abwarf.

Dem Unterhaltungsfaktor nach außer Konkurrenz: Die obligaten, meist ausufernden Vor- und Nachbereitungen aller sogenannten Vorbehaltsfilme: Wenn in Harlans ‚Der Herrscher‘ (1937) etwa ein von Beginn an calvinistisch-arbeitswütig-humorlos wirkender Stahlmagnat sich nach familiären Enttäuschungen dazu entschließt, den korrumpierten Privatsektor auszutrocknen, indem er sein Lebenswerk Staat und Volk vermacht statt der buckligen Verwandtschaft, dann mag der herbeizitierte Nominal-Akademiker vorab aus aktuellem Anlass noch so hartnäckig vor rechten Fallstricken in rechten Filmen von rechten Regisseuren aus rechten Regimen warnen: Wer als Zuschauer seine Sinne beisammen hat, macht sich binnen Minuten klar, dass gegenwärtig vielmehr Sahra Wagenknecht die geeignete Anlaufstelle zum authentischen Einsprechen der hier eingestreuten planwirtschaftlichen Suaden wäre. Doch man muss von Glück reden, dass Emil Jannings ihr zuvorkam: wenn er als ‚Herrscher‘ Matthias Clausen gedankenverloren seine Suppe löffelt, dann verströmt er dabei größere darstellerische Präsenz als andere es täten, wenn sie sich auszögen und anzündeten.

Heute – in ‚Der Weg ins Freie‘ (1941) – nun abermals Zarah Leander – als Antonia Corvelli – zwischen allen Stühlen und zwei Männern: Hier der zwielichtige Finanzberater Metternichts im städtischen Sündenpfuhl, dort der treuherzige Baron auf pommerscher Scholle. Als Metternich stürzt und der wankende Berater seine arglose Geliebte durch Falschbeschuldigungen in Mitleidenschaft zu ziehen versucht, täuscht sie ihren Tod vor und flieht in die Schweiz. Von dort wagt sie die Reise zum angetrauten Baron, fremdelt aber nicht zuletzt aus moralischem Selbstzweifel mit der ländlichen Idylle und reist unerkannt ab. Nachdem sie einige Jahre inkognito an kleineren Bühnen Italiens singt, kommt ihr der Geliebte auf die Schliche und treibt sie in den nicht mehr vorgetäuschten Freitod. Im vor- wie nachbereitenden Gespräch sieht der engagierte Referent, von dem sonst jede Schwangerschaft weißer Cis-Frauen als zelluloidene Manifestation eines faschistischen Familienbildes entlarvt wird, wie selbstverständlich davon ab, den Pagen vor Metternichs Tür auch nur zur Sprache zu bringen, der in den Wirren der Märzrevolution vom Leder zieht gegen „die Schweine, die mit den Volksgeldern spekulieren.“ Es bleibt von links dabei: Konservative Kultur- und Gesellschaftspolitik schlägt man dem Nationalsozialismus zu, nationalsozialistischen Antikapitalismus unterschlägt man.