14. Mai 2018

Die Frankfurter Leichenschänderin

14. Mai 2018

In der heutigen FAS wird die Leerung der Abonnenten-Kartei wieder einmal von Julia Encke in die Schreibhand genommen; einer Dame, die sich sonst auch gern auf Veranstaltungen der Heinrich-Böll-Stiftung tummelt, mit eher als Kunst- denn als Mitteilungsform verstandener Literatur also wenig am Hut hat. Darauf, das eigene Titelblatt dann und wann mit dem kultigen Konterfei Stefan Anton Georges aufzuwerten, möchte man aber gleichwohl nicht verzichten, weshalb zuweilen Kreativität gefragt ist: So beginnt denn der Artikel zum reaktionären katholischen Metaphysiker, vor Esprit nicht direkt berstend mit „Das Ende des geheimen Deutschland“ überschrieben, sinnigerweise beim liberal-protestantischen Triebtäter von der Odenwaldschule, flankiert von Kinderschreck Hentig und der unvermeidlichen Marion ‚Der Umkreis des Widerstands ist groß genug für uns alle‘ Dönhoff, zu der in den Raddatz-Tagebüchern alles Nötige und noch einiges darüber hinaus gesagt ist.

Immerhin wird dem geneigten Leser bald eröffnet, welchem Umstand das „großartigste Ausstrahlungsphänomen der deutschen Geistesgeschichte“ (Benn) seine Nennung in einem Atemzug mit Verbrechern, intellektuellen Niedergangsgewinnlern und tüdeligen Landadligen verdankt: Becker, Hentig und Dönhoff, so Encke, „beriefen sich auf ihn.“ Da muss man doch von Glück reden, dass es diesmal nicht um Berufungen levantinischer Hobby-Metzger auf die übliche Wüstenreligion geht: In diesem Szenario hätte das Flaggschiff des bundesrepublikanischen Linksliberalismus sicher dringlich jene vielgepriesene Differenzierung eingemahnt, von der verlässlich immer dann die vernebelnde Rede geht, wenn das Schoßkind des Diskurshegemons endgültig in den Brunnen zu fallen droht. Wer Becker, Hentig, Dönhoff und dem, was Lord Dahrendorf wahrscheinlich noch beschönigend die ‚protestantische Mafia‘ nannte, weiter nachspüren möchte, der hefte sich an die wohlgeborenen Fersen Johannes Rogalla von Biebersteins.

Aber zurück zu Frau Enckes Alkovenmärchen: Als Missbrauchs-Kronzeugen hat sie einen rundlichen Kinäden namens Frank Ligtvoet aufgetan, der uns hier darlegt, dass es weißer Suprematismus sei, Bach höher zu schätzen als Miles Davis, was sich niemand mehr auch nur zu kommentieren entblöden sollte. Ligtvoet, der in den 70er-Jahren als Erwachsener und Freier an die Herengracht kam, fühlt sich nach vier Dekaden durch – drunter macht er’s nicht – Donald Trumps Umgang mit dem Vorwurf sexueller Belästigung zu tränenerstickter Aussprache bemüßigt: In eine Sekte sei er geraten, kaum heraus habe er sich winden können. Sein vermeintlicher Peiniger wiederum, der angeschwärzte Bonsai-Guru und Gelegenheitsdichter Wolfgang Frommel, hatte sich seinerzeit in Georges auch nur weitere Umgebung nicht einmal hineinwinden können, was Frau Encke nicht daran hindert, am Castrum-Mythos von der Kreis-Nachfolge munter mitzustricken. Wenigstens arbeitet sie dabei im Vorübergehen auch das Verhältnis der eigenen Wirkungsstätte zum promisken Erbschleicher aus Amsterdam auf:

 

Und auch der ehemalige Herausgeber der F.A.Z., Frank Schirrmacher, war hier zu Besuch gewesen. (…) Schirrmacher war zunächst „entflammt“, allerdings kühlte das Verhältnis bald ab.

 

Hier hätte man sich ruhig einen Ruck geben und schreiben können, was zusammenreimbar ist: Dass nämlich ein Gesicht, wie Frank Schirrmacher es zeitlebens auf seinem Hals spazieren führte, nun einmal zur FAZ-Herausgeberschaft eher prädestiniert als zur Eromenos-Karriere. Wenn man übrigens bei Schirrmacher und Becker schon ist, so bietet sich ein Vergleich von deren Epitaphen, beide gottlob aus bereits vorgefundenem Bestand geklaubt, eher an als auch nur die kursorische Lektüre irgendeines ihrer eigenen Erzeugnisse: Schirrmacher, aufdringlich geschäftig auf einer Überholspur lebend, auf der es sich auch sterben lässt, bemüht Goethe:

 

Die Überzeugung unserer Fortdauer entspringt mir aus dem Begriff der Tätigkeit; wenn ich bis an mein Ende rastlos wirke, so ist die Natur verpflichtet, mir eine andere Form des Daseins anzuweisen, wenn die jetzige meinen Geist nicht ferner auszuhalten vermag.

 

Um einiges ansprechender als diese Geburt des Anspruchsdenkens aus dem Ungeist der Getriebenheit nehmen sich da schon Verse aus, mit denen Gerold Becker seine Todesanzeige in der FAS versehen ließ: Ebenfalls Goethe mit einer Xenie, die in diesem Zusammenhang nicht mehr allzu zahm wirkt:

 

„Die Feinde, die bedrohen dich,
das mehrt von Tag zu Tage sich;
wie dir doch gar nicht graut!“
Das seh ich alles unbewegt,
sie zerren an der Schlangenhaut,
die jüngst ich abgelegt.
Und ist die nächste reif genug,
ab streif ich die sogleich
und wandle neubelebt und jung
im frischen Götterreich.

 

Getroffen von einem auf der Zielgeraden arg in verdiente Bedrängnis geratenen Sexualdelinquenten entbehrt diese Wahl nicht einer niedergradigen Disney-Schurkenhaftigkeit. Als Telefon-Joker mit von Frau Enckes Partie war übrigens auch Ulrich Raulff, der auf seiner Marbacher Arbeitsebene, so munkelt man, noch weniger Frauen um sich schart als Seehofer im Heimatmuseum. Hören wir, was ihm, der als Autor des im Ganzen allerdings lesenswerten ‚Kreis ohne Meister‘ schon nicht ohne klebrige Bildunterschriften à la „Der Knabe mit dem Stabe“ auskam, zum größten Dichter des 20. Jahrhunderts einfällt:

 

Anfang der dreißiger Jahre war er ein alter Schwuler mit schweren gesundheitlichen Problemen und Angst vor der Einsamkeit.

 

Warum, sollte man sich spätestens hier fragen, spricht so von George jemand, der etwa Papst Franz bisher nicht als harmlosen Alfred-Biolek-Verschnitt mit theologischer Klappentextbildung eingestuft hat? Vielleicht darum: Franz hat, wie es bislang scheinen will, vor allem deshalb eine der herausgehobensten Stellen überhaupt angetreten, um von dort aus täglich in Wort und Tat nichts anderes zu beteuern und zu bezeugen als die eigene Durchschnittlichkeit, woraufhin ein ernüchternd großer Teil des Publikums fasziniert anzunehmen scheint, dass ein schon von Amts wegen Ungewöhnlicher, der sich krampfhaft als gewöhnlich (Domus Sanctae Marthae, Leih-Fiat, alte Treter) geriert, das Außergewöhnlichste überhaupt sei. Dabei gehört es gerade unter „Vielfaltspinseln“ (Klonovsky) und „Eintagsmenschen“ (Jünger) längst zum guten Ton, das eigene kleine Licht noch unter den Scheffel zu stellen.

Nicht wenige halten am Scheffel schon so lange und verbissen fest, dass man kaum darauf wetten wollen würde, darunter überhaupt irgendetwas vorzufinden. Aber wo ein Scheffel ist, schlussfolgert das zeitgenössische Publikum in seiner Mehrheit, da müsse wohl auch Licht sein. Mit Nietzsche ließe sich dieses Pontifikat also auf den selben traurigen Nenner bringen wie Merkels Kanzlerschaft: „Wer sich selbst erniedrigt, will erhöht werden.“ Damit nehmen Franz und Anhang in einem unappetitlichen Akt machbarkeitsseliger Selbstermächtigung jene Inversionen vor(weg), die Gläubige gemeinhin ruhigen Gewissens höheren Instanzen überlassen: Deposuit potentes. Exaltavit humiles.

George indes, um zum Pudelglutkern vorzustoßen, spielte bekanntermaßen im Team der Erhöher: Selbst verglich er sein Profil dem Danteschen, gern ließ er sich von fantasievollen Freunden die Lippen Baudelaires oder Lider des sixtinischen Jesaja andichten. Und die Erhöhung hörte nicht etwa vor der eigenen Haustür auf: Wer ihm gefiel, dem konnte es widerfahren, obschon zufällig am Bürgersteig aufgegabelt, poetisch zum Stern befördert zu werden, von der Kraft der Dichterliebe aus seiner Bahn gerissen. Wer Georges Bände illustrierte, den sollten Nachgeborene nicht als klecksenden Sidekick in Erinnerung behalten, sondern als „turm von bleibendem strahl in der flutnacht der zeit.“ Weder alte Galoschen noch pontifikale Gebrauchtwagen haben in seinen „bis ins Feinste erkünstelten Wortgebilden“ (Schilling), inmitten „blasser erdenferner festlichkeit“ auch nur am Katzentisch einen Platz.

Der Reaktionär nun lässt für gewöhnlich das Hohe hoch und Niederes niedrig, verstärkt die Tendenzen allenfalls noch, da er letzthin versöhnt ist mit sich und der Welt, wie er sie vorfindet. Raulff dagegen, den es bekümmert, dass die „konservativ-apologetische“ Fraktion in der George-Forschung die Zügel noch nicht ganz aus der Hand gegeben hat, erniedrigt nach progressiver Manie(r) das Hohe und erhöht das Niedrige, beraubt also in einem Aufwasch Göttliches seiner Würde und Gott seines Jobs. George selbst, als Prophet der heraufdämmernden Weltstunde einer „amerikanischen Normalameise“, hat das seine zur absehbaren Denkmalstürmerei kleiner Pinscher in einem Gespräch mit Sabine Lepsius fallen lassen: Wenn ein Hund sich an der Peterskirche erleichtere, ließ er lakonisch wissen, dann bleibe sie darum doch, was sie sei. Mit diesem Bild im Kopf und Rücken wird man wohl alle weiteren Male, die Herr Raulff sein Bein künftig heben mag, genießerisch beschweigen können.

Von Interesse wäre nun allenfalls noch die Frage, ob sich Nietzsches Befund auch umkehren ließe, ob also nicht bloß Franz mit seiner Erniedrigung auf Erhöhung schielt, sondern auch George mit seiner Erhöhung auf Erniedrigung. Das wäre mit sämtlichen erotischen Implikationen dann schon wieder eine Fragestellung ganz nach Gusto und Kragenweite Frau Enckes, die schon 2010 ihre Befragung von Voyeur Karlauf mit nichts anderem zu überschreiben wusste als „Missbrauch aus dem Geist Stefan Georges?“ Hier kommt Joachim Kaiser zu seinem Auftritt, der 2005 zu Schirrmachers Protokoll gab:

 

Wer kennt schon den Geist des Faust, wer weiß, ob das ein menschliches Unglück in Kauf nehmender schrecklicher Wissenschaftler gewesen ist oder eine liebevoll edle, strebende Seele. Doch wenn man auch den Geist nicht kennt – an den gegebenen Buchstaben ist man gebunden.

 

Um über den Buchstaben sprechen zu können, müsste man allerdings eher Georges Gedichte zu Rate ziehen als berufsbetroffene PR-Manager in eigener Sache. Nur möchte man das Frau Encke nicht unbedingt zumuten: schließlich ist man bei der FAZ, wo Dietmar Dath, nicht nur dem Namen nach ein schwaches Plagiat von Diether Dehm, ein warmes Plätzchen, Konrad Adam aber die kalte Schulter gewiesen wird. Als ‚Weimarische Leichenschänderin‘ apostrophierte Gundolf 1919 Elisabeth Förster-Nietzsche in einem Brief an George. Über den Wohnort von Frau Encke bin ich mir zwar nicht zweifelsfrei im Klaren, aber auf den zweiten und entscheidenderen Teil dieses Übernamens könnte sie allemal Anspruch erheben.

04. April 2018

Meynraths Mnemonik (#1)

04. April 2018

Unweit des Hotels Hyperion, in das man mich vor vier Jahren als ZDF-Volontär zur sächsischen Landtagswahl einquartierte, während die Redakteure auf GEZ-Kosten mit dem Hilton vorliebnahmen, sehe ich in Dresden von weitem einen Mann in angeregtem Gespräch, der Simon Werdelis – mir aus Münchner Zeiten als Ensemble-Mitglied des Residenztheaters erinnerlich – auffällig ähnelt. Eine kurze Recherche ergibt bald darauf, dass Herr Werdelis mittlerweile tatsächlich in Diensten des hiesigen Staatsschauspiels steht.