18. Juni 2016

Das Schicksal und sein Rachen

18. Juni 2018

Gestern Abend wurden die jährlichen Classic Brits ausgestrahlt, was gewöhnlich keine Kommentierung nach sich ziehen müsste, wenn nicht die Veranstalter, statt sich lumpen zu lassen, gleich zwei der immer rarer Gesäten vorgeladen hätten, deren Namen man noch mit Ehrfurcht im Maul oder Schnabel führen wird, wenn das Anthropozän längst passé ist: Dame Shirley Veronica Bassey überreichte Lord Andrew Lloyd Webber den sogenannten Lifetime Recognition Award, wozu ein aufgeweckter Twitter-Nutzer anmerkt, den Komponisten mit einem Musikpreis ehren zu wollen käme in etwa der Idee gleich, der Queen einen Ritterschlag anzutragen. In seiner Dankesrede gab sich der Ausgezeichnete dennoch nicht indigniert und räumte im Vorübergehen mit dem ziemlich deutschen Spuk von E- und U-Musik auf, indem er erklärte, schon sein Vater, der in den Ebenbildern vertretene Kirchenmusiker William, habe ihn gelehrt, es gebe in der Tat nur zwei Arten von Musik, aber nicht etwa der Unterhaltung oder dem Ernst verschriebene, sondern gute und schlechte.

Dementsprechend nannte der Sohn dann auch drei Musiker als frühe Inspiratoren, die ich deutlich zu selten in dieser Reihen- und Rangfolge aufgeführt höre: „to Shirley, to Beethoven, to Bach.“ Persönlich spreche ich dieser Zusammenstellung meinen Segen, aber Zweiflern zugleich mein Verständnis aus, weil ein Name dann doch etwas aus der Reihe tanzt: „Der gute alte Ludwig Van“ (Clockwork Orange) fällt nicht nur musikalisch, sondern auch unter dem nicht ganz belanglosen Gesichtspunkt der Weltklugheit ab: Denn während Bach und Bassey das Knie unverzagt vor Friedrich dem Großen bzw. Elisabeth II., notfalls auch vor Königin Sirikit oder Kennedy beugten, beging der weltanschaulich irrlichternde ‚Generalissimus‘ in Teplitz die notorische Sottise, vor dem kaiserlichen Hofstaat nicht nur die beiläufige Verneigung zu verweigern, sondern auch seinen knicksbereiten Spazierfreund Goethe als Fürstenknecht zu schmähen, dem die Hofluft zu sehr behage. Weil sich Bach und Bassey – ob gelangweilt oder überzeugt, mag dahinstehen – mit ihren jeweiligen Zeitaltern arrangierten, konnten sie sich letztendlich Fruchtbarerem zuwenden als dem Kratzen von Widmungen aus Partituren.

Beethoven habe nicht Unrecht, gestand der Dichterfürst an anderer Stelle zu, wenn er die Welt detestabel finde, doch mache er sie dadurch weder für sich noch für andere genussreicher. Um nicht erstmals und sicherlich auch nicht zum letzten Mal ein treffendes Bild Harald Schmidts zu bemühen: Goethe, Bach und Bassey gäben dem nölenden Bettler tiefenentspannt eine Suppe aus, um ihn ruhigzustellen, während der Typus Beethoven eher dazu neigt, sich gemeinsam mit den Gebeutelten dieser Welt über die allgemeine Suppenlosigkeit zu echauffieren. Auch darum dürfte Beethoven der einzige unter den drei Genannten sein, der seinem Schicksal als „Schlechtweggekommener“ (Nietzsche) in den Rachen zu greifen versuchte. Für Goethe wie Bach und Bassey dürfte dagegen übereinstimmend gelten: Guten Freunden greift man nicht in den Rachen. Und selbst falls das Schicksal die Freundschaft einmal aufkündigen sollte, ist uns von luftiger Zinne die Ermahnung zur Standhaftigkeit überliefert: „Es ziemt nicht in irdischer klage zu wanken / Uns die das los für den purpur gebar.“

16. Juni 2018

Gundelohs Hingang 

16. Juni 2018

Gestern starb in München, wie ich zuerst über Nachwuchs-Dieskau Samuel Hasselhorn erfahre, der von mir – und wem nicht? – hochgeschätzte Enoch zu Guttenberg. Schon im Oktober 2014 hatte Henriette Kaiser über seine ernsten gesundheitlichen Probleme berichtet, von denen er sich allerdings im Folgemonat, zu Frankfurt Mozarts Requiem dirigierend, nicht das Geringste anmerken ließ, als er den Instrumentalisten derart einheizte, dass man das Lacrimosa für einen Tango hätte halten können (was wohl auch Teile des Publikums taten und auf den Fluren bemängelten). Als er zum Abschluss sein Bouquet etwas unwirsch, aber mit den besten Absichten in die Chorgemeinschaft Neubeuern warf, hinterließ er zumindest bei mir einen verhältnismäßig munteren Eindruck. Doch dass auf der Bühne andere Gesetze gelten als daneben, bekundete er ja schließlich selbst.

Aus dem Namen des Orchesters, das bis zuletzt seiner Leitung unterstand, der Klangverwaltung, ist bereits das treuhänderische Ethos des sich fügenden Kettengliedes ableitbar, wie es einem Mann seines Standes gut zu Gesicht steht. Wie Botho Strauß sich zurückgenommen als ‚Fortführer‘ sieht, so sprach und dachte Guttenberg von sich als ‚Weitergeber‘, gewissermaßen als einfacher Arbeiter im musikalischen Weinberg des Herrn, seinen usrprünglichen Berufswunsch – Komposition – aus Einsicht verwerfend: „Die meisten Menschen von heute“, so Sloterdijk vor wenigen Jahren im Gespräch mit der SZ, „darunter erschreckend viele Künstler, lassen freiwillig das Beste links liegen, weil sie selber etwas Schlechteres, aber Eigenes, vorhaben.“ Von den zahlreichen Namen, mit denen man dem zotteligen Philosophen hier zur Seite springen könnte, schweigen wir aus Pietät und nennen bloß den Verstorbenen als einen der Wenigen, die aus den Spiegelkammern der unglücklichen Selbstbehauptung zur rechten Zeit in die Marmorsäle der glücklichen Selbstverlorenheit aufbrachen.

Dass diese löbliche Richtungsentscheidung kein einsamer Kornfund eines ansonsten blinden Künstlerhuhns war (der Sohn des „armen Karl-Theodor“, soll es im Freundeskreis des CSU-Barons mitfühlend geheißen haben, wolle nun ausgerechnet Musiker werden), lässt manche kluge Forderung des Belächelten vermuten: Die etwa, dass man in Bruckners Klangdomen die Seiten-Altäre nicht vernachlässigen dürfe. Oder die, dass Vibrato nicht als Dauer-Gewinsel herhalten, sondern gezielt als Kunstmittel eingesetzt werden solle. Auch hübsch: Es gebe kein Beileid, auch kein Mitleid – diese Vokabeln seien aus den aktiven Wortschätzen ersatzlos zu streichen: Leid sei das Ureigenste des Einzelnen, kaum wirklich mitteilbar und schon gar nie teilbar. Doch schon im Gespräch mit dem Mainzer Freund unterwegs zur – vor Dynamit-Rudi verschonten – Alten Oper ging es 2014, so ehrlich will ich sein, weniger um Bruckners Seiten-Altäre als um des Weitergebers volle vierzehn Vornamen und darunter um einen vor allen: Gundeloh. Wer so heißt, dem dürften die Tore Walhalls weiter offen stehen als rotgrüne Münder nach sächsischen Landtagswahlen.