Bündig

Unzeitgemäßheit ist die Vorhalle der Zeitlosigkeit.

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Vielen steht die Welt offen, mir steht sie zu.

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Sogenannte Künstler versöhnen uns mit dem Tod, mit sich so nennenden Künstlern versöhnt uns deren Tod.

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In jedem Drewermann schlummert ein Savonarola.

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Weil schon das Hamburger ‚Ordelbook‘ von 1271 festschreibt, dass es keine Herren und Knechte gebe, pflegen Sprösslinge dieser Stadt bis heute aus bürgerlicher Abscheu vor jedweder Distinktion hohe Ehrungen zurückzuweisen – man ist schließlich Hanseat.

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Kaum jemals hat, wer die Vokabel ‚Thymos‘ kennt, was sie meint.

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Wer mit 20 kein Kommunist sei, heißt es, habe kein Herz, doch kein Hirn, wer es lange bleibe. Wer mit 20 kein Reaktionär sei, könnte es heißen, habe keinen Stil, doch keine Amygdala, wer sich offen dazu bekenne.

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Von Albert Camus bis Jurek Becker: Nicht selten stirbt verfrüht, wer im Laufe seines Lebens allzu oft auf dessen Kürze verweist.

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Darin lobe man sich England: Lieber keine kodifizierte Verfassung, die dann aber auch gilt, als alle paar Halleys eine neue, die weniger wert ist als das Wort von Martini Chulz.

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Alkahest hätte so sicher nicht gelagert werden können wie All-Lösendes selbst sein Behältnis absorbieren muss. Ähnlich bringen auch anderswo absolute Lösungen – Sieferle spricht von der ‚eschatologischen Linken‘ – um Maß und Fassung.

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Die Welt hat mich zum Narren gemacht, nun mache ich sie zur Kappensitzung.

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Wenn Sozialisten ihre Kinder Privatschulen anvertrauen, schlägt ihnen dafür zurecht größerer Unmut entgegen als Konservativen oder Liberalen: Wer anti-egalitären Wein predigt, muss ihn schließlich auch trinken dürfen.

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Schlaf der Vernunft versus Traum der Vernunft: Die Ausgeburten des ersteren waren noch immer pittoresker.

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Schlagersänger pflegen in den Tod zu stürzen, sei es aus dem Fenster wie Rex Gildo oder Margot Werner, sei es die Treppe hinunter wie Bernd Clüver oder Gunter Gabriel; Dichter hingegen, von Schiller bis Oscar Wilde, sterben tendentiell an Tapeten.

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Treffen sich zwei Deutsche in Offenbach.

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Von Günter Wand bis Alexander Gauland: Anscheinend gibt es nicht bloß die Ruhe vor dem Sturm, sondern auch den Sturm vor der Ruhe.

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Man wird heiter älter als Ernst Jünger.

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Habermas macht, und das ist schwer genug, schreibend kaum mehr her als sprechend, wohingegen der sprechende Sloterdijk wirkt, als würde der schreibende ihn, liefe man sich über den Weg, bestenfalls verächtlich anblinzeln.

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Denke nie in Kollektiven, die du nicht selbst geschaffen hast.

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Obwohl routinemäßig behauptet wird, dass Musik der Sprache in ihren Ausdrucksmitteln überlegen sei, ist etwa Ironie musikalisch nur zeitlich versetzt durch die Abkehr von einer angebahnten Stimmung möglich, nicht in ihrem eigentlichen Wesen des Zusammenfalls von Phrase und Antiphrase, wie ihn die Literatur kennt.

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Es nahen Zeiten, da man nur noch begehren können wird, wen man jahrelang daraufhinerzogen hat.

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Partikularismus und Universalismus im Extrem: Wollten die Nazis noch ihr eines zu allem plustern, modeln die Multikulturalisten alles zu einem – unterm Strich bleibt die Machenschaft.

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Die Behauptung, Richtiges könne es im Falschen nicht geben, richtet die Weiße Rose und Stauffenbergs Mannen nach Roland Freisler ein zweites Mal.

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Vielleicht spitze ich hin und wieder zu, aber niemals mehr als die jeweilige Lage sich.

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Steige herab!“, herrscht der Ewigmorgige das Idealische an wie Heinrich einst Gregor, was zu verkraften wäre, wenn er im Anschluss denn auch nach Canossa ginge. Stattdessen schafft es dieser Typus meist bloß bis nach Landsberg oder Elba.

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Lovecraft hat lieber gehungert als zu arbeiten. So halte auch ich es, nur ohne das Hungern.

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Die Prosa als prosa oratio, mithin eine ‚gerade heraus‘ gehaltene bzw. ‚straighte‘ Rede und der Vers als Invertiertes offenbaren schon etymologisch die Neigungen ihrer größten Meister.

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In der Dichtung wie im Staat leisten allein Maß und Grenzen für die Freiheit Gewähr.

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Tatsächlich lässt sich von rechts in Kultur- und Überfremdungsfragen bequem mit dem Schlachtruf ‚perception is reality‘ operieren – im Kampf gegen den Genderismus wünsche ich dann aber, falls man Konsequenz schätzt, viel Spaß auf der Argumentsuche.

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Napoleon plante zwar die Invasion der britischen Inseln, aber England hatte ja mit Lord Nelson noch ein Ass im Ärmelkanal.

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Macht kaputt, was euch kaputt macht‘, sang Rio Reiser 1969 – eine Generation nach der Bücherverbrennung, eingeläutet durch Bertram-Verse wie ‚Verwerft, was euch verwirrt‘ oder ‚Verfemt, was euch verführt‘. Unter allen Linken waren die Nazis eben doch die mit dem anständigsten Deutsch.

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Heute scheint die einzige Möglichkeit, nicht verrückt zu werden, es zu sein.

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Eine meiner Lieblingsvorstellungen und wahrscheinlich noch dazu: Drewermann ist privat Harald Schmidt und umgekehrt: Dieser meditiert im Stillen gramgebeugt über das Leid der Welt, während jener sich ins Fäustchen lacht, weil auch sein jüngstes antikapitalistisches Pamphlet auf Amazon den gewohnt reißenden Absatz findet.

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Ich bin gegen die Bierdeckel-Steuer, weil schon Cäsar an den Ideen des Merz scheiterte.

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Dass Jünger schreiben könne, so Klaus Mann, mache ihn erst gefährlich, ein Geist von solch finsterer Glut könne Unheil stiften. Wolfgang Harich wiederum attestiert einen ins Bestialische entarteten Intellekt. Wenn kaum ein Tadel anders denn als über Bande gespieltes Lob daherkommen kann, hat man vermutlich nicht alles falsch gemacht.

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Riefenstahl: Ein Name wie in Stein gemeißelt, in Erz getrieben, in Stahl gerieft.

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Von Engels bis Kropotkin: Anfechten ließen sich Kapital und Hierarchie am bequemsten noch immer in jener Freizeit und mit jenen Mitteln, die erst sie den Fechtern schenkten.

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Sagen Linke Rechtes, handelt es sich um unbequeme Mahner. Sagen Rechte Linkes, hat man es mit heimtückischen Querfrontlern zu tun.

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Wen tiefer verachten, die Verantwortlichen moderner Klassiker-Schändungen oder aufgebrachte Studienräte, die im Anschluss ostentativ den Applaus verweigern?

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‚Entwicklung‘ ist eine erzdeterministische Vokabel.

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Talmi-Mystizisten wie Elias Rubenstein müssen lernen, dass man in ihrem Metier nur mitunter so, wie sie es unausgesetzt tun, blicken darf.

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Je gesellschaftsuntauglicher die Uniform, desto uniformer die Gesellschaft.

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Genüsslich lässt sich über die Anonymität der Großstadt klagen, aber näher kennenlernen möchte man diese bindungslosen Konsum-Monaden dann auch wieder nicht.

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Das Wort ‚Schattenkabinett‘ verströmt eine zu glanzvolle Aura, als dass es über jenes von Beck und Goerdeler hinaus Anwendung finden sollte.

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„Setz dir Perücken auf von Millionen Locken, / Setz deinen Fuß auf ellenhohe Socken, / Du bleibst doch immer, was du bist“. Beides lässt Mephisto hier zu, ein abwinkendes Hinter keiner Maske entfliehst du dir‘ ebenso wie ein ermunterndes ‚Hinter keiner Maske verlierst du dich‘.

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Die Liedzeile ‚nothing to kill or die for‘ beschreibt einen trostlosen Zustand.

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Die ‚Satire-darf-alles!‘-Fraktion wünscht man sich auf Bildungszeitreise in den Nürnberger Karneval von 1938.

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Von Hofmannsthal bis Hermann Burger: Man möchte sie nicht missen, die literarisch glänzend geführte Klage über die Unfähigkeit zu schreiben.

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David Robert Jones zu Johannes Heesters: Warum musste ich vierzig Jahre früher gehen als du? Johannes Heesters zu David Robert Jones: Quod licet Jopie, non licet Bowie.

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Wenn nicht Darwin, dann Wallace. Wenn nicht Newton, dann Einstein. Aber wenn nicht Goethe, was dann?

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Under- und Overstatement, oberflächlich als verhärtete Gegensätze missdeutbar, erweisen sich bei näherer Betrachtung als Überlebensgemeinschaft: Ironie, die ihrerseits der Größe bedarf wie das Sakrileg des Heiligtums, wirft in dürftiger Zeit den Schatten, der Pathos und Heroismus unbehelligt zu überwintern erlaubt.

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Wo einst Eliten und Kaderschmieden waren, sind heute Solitäre und Autodidakten.

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Das Einzige, worum die Hörer selbst der weltkämpferischsten Drewermann-Rede ernsthaft ringen, sind die guten Plätze bei der nächsten.

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Der Linke richtet seine Kunst auf die Welt aus, der Rechte seine Welt auf die Kunst.

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Zu ‚asiatischen Tastenmaschinen‘, denen Anne-Sophie Mutter bei Harald Schmidt einmal die Meinung geigte, und anderen allzu atemlosen Selbstoptimierern: Untätigkeit und Bräsigkeit, rein vegetative Phasen gehören zum schöpferischen Dasein wie die Dackelkrawatte zu Gauland: Man ist, falls niemals müßig, immer mäßig.

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Hermetische Lyrik ist die Tochter der Paul-Celan-Kiste.

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Der Nationalsozialismus ist ein aberwitziger Synkretismus, von dessen einzelnen Versatzstücken nur Unwissende provisorisch oder Gewissenlose denunziatorisch auf ihn als Ganzes schließen.  

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Scherzhaft-konservatives Credo in Deutschland 2015: Willkommengeheißene ausweisen, Willkommenheißende einweisen.

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Bei dem, was ich so sage und schreibe, sei doch letzten Endes nicht viel dahinter, muss ich Zweifler bisweilen unken hören. Selbst wenn das zuträfe, pflege ich nachsichtig zu erwidern, sei doch bei den meisten heutzutage nicht einmal mehr etwas davor.

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Ein Liberaler ist jemand, der von etwas lebt, für das er nicht sterben würde.

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Konservativ sein heißt, in Morden für das Gute immer auch Morde zu sehen.

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Symptome der Vermassung: Befrage ich einschlägige Suchmaschinen nach ‚Autotelie‘, nimmt man an, ‚Autoteile‘ dürften gemeint sein; versuche ich es mit ‚Hans Makart‘, wird ‚hansamarkt‘ geliefert.

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Kaum jemand würde sich mehr von der Welt abwenden, wenn sie dabei nicht zusähe.

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Auf den Vorwurf hin, Rechte seien humorlos: Dass Marie-Antoinette dem brotlosen Volk Kuchenverzehr nahelegte, lässt auf einen gesünderen Humor schließen als dessen Entschluss, sie zu köpfen. Wenn dann noch Figuren wie Robespierre, die das Köpfen der Gegenseite als probates Mittel ausgeben, irgendwann von ebendieser Gegenseite geköpft werden, dann ist das unter humoristischen Gesichtspunkten auch nicht zu verachten. Überspitzt ließe sich also sagen, dass Rechte, wenn sie töten, immer noch mehr Humor beweisen als Linke, wenn sie einen Witz erzählen.

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Die Moderne hat widrige Berufe hervorgebracht, aber keinen widerwärtigeren als den des ‚Eventpfarrers‘.

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Zu Proebstl, Wegscheider und sonstigen Versuchen von rechtem Kabarett: Die Verzweckung aller Groß- wie Kleinkunst fällt unabhängig von der Art des Zwecks unter linkes Monopol.

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Mehr als den Tod muss der Ästhet mittlerweile die Nachrufe fürchten.

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Als das flammende Beschwören von Rettung und Untergang selbst auf Kanzeln allmählich zu geschwollen schien, ließ die Grenzpolitik der Sonnenkanzlerin es zur nüchternen Bestandsaufnahme in Wohnzimmern und Plenen avancieren.

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Der Beurteilung von Kunst entlang Gestalt, nicht Gehalt, entspricht die Wahrnehmung der Demokratie als Prozess statt als Wert und die Definition des Extremismus anhand von Gesittung statt Gesinnung.

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